Die 1830er-Jahre waren aus wirtschaftlicher Sicht eine schwierige und aus politischer Sicht eine unruhige Zeit für Liechtenstein. Doch einige Männer sorgten mit ihrem Fleiss und Geschäftssinn bereits dafür, dass das Land langsam den Weg in Richtung einer wirtschaftlich erfolgreichen Zukunft einschlug. Einer dieser Männer war Alois Schlegel, der 1837 den Mut und die Mittel hatte, zusammen mit einem gewissen Dominick Öhri aus dem Unterland, über den kaum mehr als sein Name bekannt ist, ein repräsentatives Haus an der alten Reichsstrasse von Bregenz nach Chur zu bauen: das damalige Schlegel-Haus. Baumeister war Joseph Anton Seger aus Vaduz, der in Nendeln und andernorts im Land mehrere Gebäude im klassizistischen Stil errichtet hat.
Das Schlegel-Haus stand als Wohngebäude aber nicht allein. Hinzu kam ein Stall in gebührendem Abstand, während die Ökonomiegebäude bei der bäuerlichen Liechtensteiner Bevölkerung sonst direkt an die Wohnhäuser angebaut waren. Der Abstand verdeutlichte bildlich den Status der Eigentümer: Sie nahmen Abstand von der bäuerlichen Schicht, verstanden sich vielmehr als wohlhabende Bürger. Ergänzt wurde das Ensemble durch ein Waschhaus, wie der Stall der Architektursprache des Haupthauses folgende, mit direkt angrenzendem Sodbrunnen und ein Schützenhaus mit Läden, die sich Richtung Wald öffnen liessen.
Aus Schlegel wird Hagen
Das Schlegel-Haus war nicht nur Wohnstätte, sondern auch Geschäfts- und Verwaltungsgebäude. Im Untergeschoss waren zwei Räumlichkeiten für Werkstätten angelegt, deren eine ab 1864 die Nendler Post, die für fast 50 Jahre für das gesamte Unterland zuständig war, beheimatete. Postmeister wurde Alois Schlegel, der sicher auch durchkommende Reisende und Postangestellte bewirtete. Nach seinem Tod 1887 ging die Hofstatt, die heute als die besterhaltene Liechtensteins aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gilt, an seine Tochter Maria Elisabeth über. Sie war, für Frauen unüblich, ebenfalls als Posthalterin für die Postgeschäfte zuständig und ledige Mutter eine Tochter: Eugenia Schlegel. Diese heiratete 1891 den aus Lustenau stammenden Lehrer Fidel Hagen, wodurch das Haus seinen heutigen Namen erhielt. Der gemeinsame Sohn, Egon Hagen, war der letzte Bewohner. Er starb 1993, hatte aber bereits Jahre vor seinem Tod nicht mehr in seinem Anwesen, das seit 1988 unter Denkmalschutz steht, gewohnt. So kümmerte sich niemand mehr um das Gebäudeensemble. Es machte von aussen zusehends einen verwahrlosten Eindruck. Die Substanz hingegen war auch mehr als 180 Jahre nach seiner Erstellung noch in verhältnismässig gutem Zustand.
«Wohlproportioniert und eindrucksvoll»
Trotz seiner äusserlich wenig einladenden Erscheinung sahen Kenner im Hagenhaus grosses Potenzial. Marcus Büchel hat dies in einem Beitrag unter dem Titel «Die Revitalisierung der Hofstätte Hagenhaus in Nendeln» folgendermassen auf den Punkt gebracht:
«Wohlproportioniert in seiner eindrucksvollen Grösse erscheint der längsrechteckige Baukubus des Wohnhauses. Die repräsentative Strassenseite fällt durch die konsequente symmetrische Gliederung auf. Die Fensterreihen der drei Stockwerke sind streng seriell angeordnet. Die zweiflügelige Eingangstüre bildet mit den zwei darüberliegenden hohen Fenstern sowie der Halbkreisöffnung im Dachgeschoss die Spiegelungsachse. Unter dem zeittypischen Quergiebel springen die drei mittleren Fünftel der Fassadenlänge als Risalit etwas aus der Flucht vor; die Fassade erhält dadurch eine Akzentuierung und feinere Gliederung.
Ein mächtiges Walmdach überdeckt den Baukörper. Fenster und Türen sind sandsteingefasst, ein Ausdruck des Wohlstands. Auf der dekorativen […] Haustüre aus Eichenholz ruht ein Simsaufsatz, der als Zitat antiker Architekturvorbilder zu lesen ist. Die Beschläge sind im Biedermeierstil gefertigt. Das Portal verheisst dem Besucher, dass er sich anschickt, ein bürgerliches Haus von Bedeutung zu betreten. […] Die Formen, die zur Gestaltung der Fassaden eingesetzt wurden, könnten einem Schulbuch der Geometrie entstammen: Rechtecke, Quadrate, Halbkreise; Anwendung finden ein serielles Ordnungsmuster sowie die konsequente Spiegelung an einer zentralen Achse. Hier wird Mathematik vorgeführt […].
Die Fensteröffnungen erinnern an Stadtbauten, denn sie sind bedeutend höher als bei Bauernhäusern; sie sollen viel Licht ins Gebäudeinnere lassen. Unter dem Quergiebel bringt ein Halbkreis-Radfenster Licht ins Dachgeschoss. Aus dem Grau der Fassade stechen die Fensterläden wie Farbtafeln heraus. […] Die Architektursprache beschränkt sich nicht auf die zur Landstrasse hin orientierte repräsentative Ansicht. Die strassenabgewandte Fassade des Wohnhauses ist gleichfalls in dieser Art durchkomponiert.»
2015 ergriffen engagierte Bürger die Initiative und nahmen sich des Hagenhauses an. Ihr Ziel war, dem historischen Gebäude seinen alten Glanz zurückzugeben. Sie standen zunächst vor der herausfordernden Aufgabe, über gemeinnützige Stiftungen die finanziellen Mittel zusammenzubringen. Als dies gelungen war und die Eigentümerfamilie das Entgegenkommen zeigte, den Boden im Baurecht zu vergeben, war der Weg zur Revitalisierung fast frei. Es fehlte lediglich noch eine sinnvolle Nutzung. «Denn wir wollten die Hofstätte Hagenhaus nicht nur wiederherstellen, sondern auch beleben», sagt der heutige Stiftungsratspräsident Marcus Büchel. Einer Idee seiner Gattin ist es zu verdanken, dass die Internationale Musikakademie, die ihren Sitz seit Jahren in Nendeln hat, als Nutzer angefragt wurde. Deren Vertreter zeigten sich offen für den Vorschlag, Räumlichkeiten für Studenten und Professoren, Probemöglichkeiten und Konzertsaal an einem Ort zu vereinen.
Der Vorstand des im Dezember 2015 gegründeten Vereins Pro s'Hagen-Hus bildete die Kerngruppe für die Revitalisierung. Walter Matt und Hans Eggenberger setzten Initialfunken. Ein professionell agierendes, siebenköpfiges Team konnte für den Stiftungsrat gewonnen werden.
Historische Bauten frei von Nebenräumen
Als Glücksgriff erwies sich die Wahl des Architekturbüros Cukrowicz und Nachbaur aus Bregenz, ausgewiesene Experten, denen es gelang, die historischen Gebäude mit einem Neubau harmonisch zu verbinden. Ihnen oblagen die Machbarkeitsstudie, der Entwurf sowie die Ausführungsplanung. Mit der Bauleitung wurde das Büro Alex Wohlwend betraut. Hand in Hand erfüllten sie einen komplexen und herausfordernden Auftrag. Sie realisierten ab dem Spatenstich am 30. Mai 2022 Wohn-, Übungs- und Unterrichtsräume für rund ein Dutzend Musikstudenten sowie für zwei Professoren, Büroräume, Aufenthaltsräume und eine Küche. Die anspruchsvollste Herausforderung bestand in der Umwandlung des Tenns in einen Konzertsaal.
Wohnhaus, Waschhaus und Stallgebäude erfuhren eine Renovierung. Das Wohnhaus blieb Wohnhaus, aus dem Waschhaus wurde eine kleine Professorenwohnung. Hangseitig entstand ein neues Gebäude, das sogenannte Hofhaus, das bei Veranstaltungen im Konzertsaal als Foyer, in der übrigen Zeit als Aufenthalts- und Essraum für Studierende wie Professoren dient und architektonisch zum Ensemble passt. Die historischen Bauten blieben frei von Nebenräumen, wie die zeitgemässe Nutzung sie erforderlich macht. WC für Gäste, Waschküche, Ton- und Filmtechnikraum, Haustechnik und einiges mehr sind im neuen Kellergeschoss unter dem Hofhaus untergebracht, das wiederum über eine unterirdische Verbindung ans Haupthaus angeschlossen ist.
Historische Öfen und geschichtsträchtiger Putz
Seit Eröffnung Ende Oktober 2024 präsentiert sich das Hagenhaus von aussen wieder so, wie es die Zeitgenossen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sahen. Auch im Inneren finden sich zahlreiche Erinnerungen an die grosse Vergangenheit des Ensembles. Betritt man das Wohnhaus durch das Doppelflügeltor, tritt man in einen grosszügigen, hohen Gang. Gleich links und rechts befinden sich die beiden stets gewerblich genutzten Räume, in denen das Postamt und mehrere Gewerbebetriebe untergebracht waren. In diesen beiden Räumen sind inzwischen Büros für die Internationale Musikakademie eingerichtet. In den beiden Obergeschossen befanden sich einst zwei gleichwertige, symmetrisch gegliederte Wohnungen, die vertikal aufgeteilt über das gemeinsame Treppenhaus mit Korridoren erschlossen waren. Die Wohnräume sind ungewöhnlich hoch und geräumig. In zwei Stuben finden sich die beiden noch erhaltenen Kachelöfen, einer davon ein in Liechtenstein seltener, dekorativer klassizistischer Kachelofen von zylindrischer Form, erbaut von der Firma Schädler-Keramik in Nendeln, der sich wohl bereits seit 1837 im Hagenhaus befindet. Der zweite Kachelofen – ebenfalls von Schädler-Keramik – wurde im 19. Jahrhundert gebaut. Auch einige historische Fenster abseits der Strasse konnten erhalten werden, diejenigen zur Strasse hin wurden ihren Vorgängern nachempfunden, aber mit modernem Schall- und Wärmeschutz versehen.
Die grösste und erfreulichste Überraschung für Stiftungsräte wie Restauratoren zeigte sich im Lauf der Bauarbeiten nach Entfernung der Täfer aus dem 20. Jahrhundert. Dahinter offenbarten sich bemalte Wände in bis zu neun Schichten, wobei die älteste sich als die wertigste erwies. Die Wohnräume zeigen mittlerweile nach einer aufwendigen Restaurierung diese älteste Malereischicht, die von Zimmer zu Zimmer variiert. Der neue Zweck dieser Räume ist es, die Studenten der Musikakademie zu beherbergen, die dort leben und üben. Im Dachstock befindet sich mittlerweile eine zweite Professorenwohnung neben jener im Waschhaus. Diejenige unter dem Dach fungiert gleichzeitig als Sitzungs- und Lehrzimmer.
Eine wesentliche Umnutzung erfahren hat das Stallgebäude. Wo früher Fuhrwerke untergebracht waren und Heu aufgeschichtet wurde, erklingt nun Musik. Die historische Balkenkonstruktion wurde mit einem speziellen Verfahren schonend gereinigt und erstrahlt daher wie der stützenfreie Dachstuhl im Wohnhaus in einem harmonischen Gelbton. Auch erhielt das Tenn schallisolierende Hightech-Fenster, welche die hohen Anforderungen eines Konzertsaals für rund 120 Zuhörer erfüllen. Innen und aussen sind Holzlamellen vor die Fenster montiert, wodurch ein je nach Sonnenstand wechselndes Streifenmuster entsteht.
Ein zufriedenes Fazit
Das Fazit von Marcus Büchel zum Ergebnis der über zwei Jahre dauernden Bau- und Restaurationsarbeiten fällt mehr als nur zufrieden aus. «Allgemein hat mich beeindruckt, dass die Innenausbauten seit 1837 kaum Veränderungen erfahren haben. Die Türblätter sowie die Sprossenfenster sind weitestgehend erhalten geblieben. Man findet viele schöne Details: barocke Türbänder und solche in Biedermeierart. Die restauratorischen Herausforderungen waren – wenig verwunderlich – im Wohnhaus am grössten: Neben den Malereien an den Wänden und Decken bezogen sie sich vor allem auf die Riemenböden, Öfen, Türen und Fenster. Die Treppe wurde vollständig ausgebaut, in der Werkstatt von Sigi Korner restauriert und wieder eingesetzt», sagt Büchel. Die Neunutzung erlaube es, dass das Hauptgebäude praktisch unverändert das bleiben kann, was es war. Man könnte nun meinen, dass infolge einer derartig fundamentalen Umnutzung des gesamten Ensembles kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Tatsächlich sind aber das gesamte Mauerwerk und der Dachstuhl völlig intakt erhalten geblieben. «Das war möglich, weil sich die Statik – entgegen dem Eindruck, den viele sich vom Hagenhaus gebildet hatten – als tragfähig erwiesen hatte. Sogar die alten Dachziegel wurden wieder an Ort und Stelle verlegt. Grundsätzlich wurden spätere Eingriffe, vor allem aus dem 20. Jahrhundert, entfernt beziehungsweise rückgebaut und, wo möglich, wurde wieder der ursprüngliche Zustand hergestellt. Erhalten geblieben ist auch das originale Holzwerk. Das Gesamtergebnis kann sich wirklich sehen lassen. Es ist ein stimmiges Ensemble mit vielen historischen wie architektonischen Höhepunkten entstanden. Möglich war das nur durch grosszügige Unterstützer, fähige und überaus kreative Planer und Handwerker sowie eine vorbildliche Zusammenarbeit.»
(Quelle: «lie:zeit», Ausgabe 128, September 2025)
Mit einer Fläche von insgesamt 1122 Quadratmetern Nutzfläche und einem Rauminhalt von 6000 Kubikmetern wardie Hofstätte zwar nur als mittelgrosse Baustelle einzustufen. Komplexität und Anforderungen an die Fertigkeiten der Fachleute waren aber, nach übereinstimmender Beurteilung der Experten, ausserordentlich hoch.
Als «wohl besterhaltenen Hofanlage der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Liechtenstein» (Bauanalytiker Peter Albertin in seinem baugeschitlichen Gutachten aus dem Jahr 2006) kommt der Hofstätte Hagenhaus gewiss nationale Bedeutung zu. Ihre Revitalisierung ist ohne Übertreibung eine der bedeutendsten Sanierungen historischer Bauten der vergangenen Jahre in Liechtenstein. Im Juni 2024 konnten die Arbeiten an diesem Projekt abgeschlossen werden, und die Musikakademie durfte den Taktstock übernehmen. Detaillierte Informationen finden sich in der unten angefügten Festschrift.
Dass die Revitalisierung der Hofstätte Hagenhaus auch die Fachwelt zu überzeugen vermochte, zeigte sich im Lauf des Jahres 2025: Gleich zwei renommierte Architekturpreise hat das Büro Cukrowicz Nachbaur für das Ensemble in Nendeln erhalten: den «ICONIC AWARD» vom deutschen Rat für Formgebung und den «best architects award».
Letzterer zählt zu den bedeutendsten Architekturauszeichnungen und ist Gradmesser der architektonischen Entwicklung im Spitzensegment. Er gilt als Gütesiegel für herausragende architektonische Leistung und positioniert die prämierten Architekten an der Spitze der internationalen Architekturszene. Der «ICONIC AWARD» wiederum verfolgt einen interdisziplinären Ansatz und gilt als einer der renommiertesten Preise in Deutschland. Besonders hervorgehoben hat die Jury die «wunderbare Neuinterpretation» der ehemaligen Scheune mit ihren verstellbaren Holzlamellen und das homogene Fassadendesign.
Dr. Marcus Büchel als Stiftungsratspräsident zeigte sich äusserst erfreut über die Auszeichnung: «Es ist wohl das erste Mal in Liechtenstein, dass ein renoviertes historisches Gebäude mit zwei internationalen Preisen für exzellente Architektur ausgezeichnet worden ist. Das Renovieren der alten Bausubstanz mit moderner technischer Infrastruktur und Zubauten stellte eine alles andere als triviale Aufgabe für die Architekten dar. Der Preis bedeutet eine grosse Anerkennung und wird als starker Impuls zum Erhalt sowie zur Revitalisierung der noch vorhandenen historischen Bausubstanz im Land wirksam werden. Die Stiftung Hagenhaus schätzt sich überaus glücklich, dass unsere Architekten diese Auszeichnungen erhalten haben. Es ist ihnen gelungen, etwas Ausserordentliches zu gestalten, etwas, das das Herz erfreut und die Seele zum Klingen zu bringen vermag.»
(Quelle: «lie:zeit», Ausgabe 141, Dezember 2025)